Auf rote Lippen soll man achten: Der Lippenstift-Effekt

Hey, du kennst das sicher. Wenn’s wirtschaftlich knifflig wird, greifst du zu kleinen Freuden. Der Lippenstift-Effekt zeigt genau das. Frauen kaufen dann mehr Kosmetik. 

Lippenstift-Effekt bedeutet: In Krisen steigen Verkäufe von günstigem Luxus. Statt ein teures Auto gönnst du dir einen Lippenstift. Das hebt die Stimmung.

Was steckt hinter dem Effekt?

Der Lippenstift-Effekt beschreibt die Beobachtung, dass Menschen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zwar bei großen Anschaffungen sparen, sich aber weiterhin kleine Luxusgüter gönnen. Statt teurer Handtaschen, Designerkleidung oder Fernreisen greifen viele lieber zu erschwinglichen Produkten, die dennoch ein Gefühl von Luxus vermitteln – etwa Lippenstiften, Parfüm oder hochwertiger Hautpflege.

 

Bekannt wurde der Begriff Anfang der 2000er-Jahre durch Leonard Lauder, den damaligen Vorsitzenden von Estée Lauder. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 stellte er fest, dass die Lippenstiftverkäufe seines Unternehmens gestiegen waren. Daraus entwickelte er den sogenannten „Lippenstift-Index“. Seine Idee: Wenn die Wirtschaft schwächelt und das Vertrauen der Verbraucher sinkt, verzichten Menschen auf teure Konsumgüter und belohnen sich stattdessen mit kleineren, erschwinglichen Luxusartikeln.

Wirtschaftlicher Kosmetik-Index

Die Grundannahme hinter dieser Theorie ist einfach. Der Wunsch nach Genuss und kleinen Belohnungen verschwindet auch in Krisenzeiten nicht. Da das Budget jedoch begrenzt ist, werden größere Ausgaben durch günstigere Alternativen ersetzt. Dieses Verhalten beschränkt sich nicht nur auf Kosmetik. Auch hochwertige Kaffeesorten, besondere Biere oder kleinere Elektronikartikel können von diesem Effekt profitieren.

 

Allerdings zeigte sich in späteren Wirtschaftskrisen, dass der Zusammenhang nicht immer eindeutig ist. Während der Finanzkrise 2008 gingen beispielsweise auch die Umsätze mit Lippenstiften teilweise zurück. Deshalb gilt der Lippenstift-Index heute nur noch eingeschränkt als Wirtschaftsindikator. Einige Forscher und Medien verwiesen stattdessen auf andere Produkte, die in Krisenzeiten besonders gefragt waren.

 

So entstand in den 2010er-Jahren die Idee eines „Nagellack-Index“. Durch den Trend zur Nagelkunst stiegen die Verkäufe von Nagellack deutlich an, sodass er für viele Frauen zum erschwinglichen Luxusprodukt wurde. Während der Corona-Pandemie, als Gesichtsmasken einen Großteil des Gesichts verdeckten, nahm dagegen die Nachfrage nach Augen-Make-up zu. Dies führte sogar zu Überlegungen, von einem „Mascara-Index“ zu sprechen.

 

Auch außerhalb der Kosmetikbranche lässt sich der Lippenstift-Effekt beobachten. In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit gönnen sich viele Menschen weiterhin kleine Freuden des Alltags. Dazu gehören beispielsweise Spezialitätenkaffee, handwerklich hergestelltes Brot oder hochwertige Parfüms. Besonders bei der Generation Z ist in den 2020er-Jahren ein Trend zu exklusiven Düften zu beobachten. Diese Beispiele zeigen, dass sich die konkreten Produkte zwar im Laufe der Zeit verändern, das Bedürfnis nach kleinen Luxusmomenten jedoch bestehen bleibt.

Wirtschaftliche Signale erkennen

Es gibt keine einheitliche Regel, aber in vielen Krisen lassen sich bestimmte Konsummuster beobachten.  Nachfolgend eine Auflistung von Wirtschaftskrisen und die jeweiligen gestiegenen Umsätze von kleinen „Luxuswaren“.

1929–1930er – Weltwirtschaftskrise

  • Kino, Kosmetik, Zigaretten und Süßigkeiten

1940er – Zweiter Weltkrieg

  • Alkohol, Tabak und Unterhaltung

1973–1975 – Ölkrise

  • Haushaltswaren und Kaffee.

2001 – Rezession 9/11

  • Lippenstifte, Parfüm und erschwinglicher Schmuck

2008–2009 – Finanzkrise

  • Kosmetik, Nagellack, Fast Fashion und Kaffee

2020–2021 – COVID-Pandemie

  • Heimfitnessgeräte, Streaming-Abos und Videospiele

2028? KI-Boom?

  • Ist es der Cafe‘-To-Go, Markenklamotten, das Leasing-Auto oder der Kurzurlaub?

Persönliches Fazit und Learnings

Wer kennt es nicht: Menschen, die ständig knapp bei Kasse sind, aber den größten Fernseher im Wohnzimmer stehen haben und zusätzlich mehrere Streamingdienste abonnieren. Klarna und Pay-later macht es möglich. Dazu kommt der tägliche Coffee-to-go für fünf Euro – scheinbar kleine Ausgaben, die sich aber schnell summieren.

 

Ich habe den Eindruck, dass meine Generation den Traum vom Eigenheim oft schon aufgegeben hat, weil es schlicht kaum noch finanzierbar ist. Statt langfristig zu investieren, entsteht dadurch eine Art „Lippenstift-Effekt“: Man gönnt sich kleinere Luxusgüter, Markenprodukte oder den nächsten Kurzurlaub. Dinge, die kurzfristig ein gutes Gefühl geben, aber langfristig wenig Substanz schaffen.

Was kannst du daraus lernen?

Beobachte Konsumkäufe

Beobachte Konsumkäufe genau, denn sie spiegeln oft gesellschaftliche Trends wider. Wenn viele Menschen verstärkt kleine Luxusgüter kaufen, während große Anschaffungen ausbleiben, deutet das auf wirtschaftliche Unsicherheit oder veränderte Prioritäten hin. Hinterfrage deine Ausgaben aber auch genauer.

Gönn dir auch kleinen Luxus

Aber bewusst und kontrolliert. Kleine Belohnungen können motivieren und deine Stimmung kurzfristig heben, solange sie nicht zur Gewohnheit werden, die dich langfristig zurückhält. Entscheidend ist, dass du den Unterschied kennst zwischen gezieltem Genuss und unbewusstem Konsum. Also übertreibe es nicht

Nutze den Effekt und investiere

Die Nachfrage nach kleinen Belohnungen bleibt stabil oder steigt sogar. Wenn du solche Muster erkennst, kannst du gezielt in Branchen investieren, die von diesem Verhalten profitieren. So machst du aus einem psychologischen Konsumtrend eine strategische Chance für deinen Vermögensaufbau.

Weiterführendes zum Thema

Dein nächster Schritt

Achte bei deiner nächsten Anschaffung darauf ob du der Einzelne bist oder nur mitschwimmst. Was kaufen die Leute im Supermarkt, die neben dir an der Kasse stehen? Für was geben die Leute vermehrt Geld aus? Welchen Trend erkennst du? Ja vielleicht sogar den nächsten „Lippenstift-Effekt“?